Eine Urlaubswoche auf einem Hausboot ist ein ganz besonderes Erlebnis. In unserem Fall waren wir am Canal du Midi in Südfrankreich unterwegs. Wir befuhren den Abschnitt zwischen Port
Cassafieres und Castelnaudary auf einem nagelneuen Boot der Flotte von "Le Boat", nämlich mit der Liberty 20.
Der Canal du Midi gilt als eines der ambitioniertesten Meisterwerke des historischen Wasserbaus. Jahrhundertelang suchten Herrscher nach einer
Abkürzung zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer, um den gefährlichen Seeweg um die Iberische Halbinsel und die dortigen spanischen Zölle zu umgehen. Das größte Hindernis war dabei stets die
Frage, wie ein Kanal über die europäische Hauptwasserscheide hinweg mit genügend Wasser versorgt werden könnte. Die zündende Idee hatte schließlich der Steuerpächter Pierre-Paul Riquet im Jahr
1662. Er entwickelte ein ausgeklügeltes System aus künstlichen Speicherbecken in den Bergen der Montagne Noire, um den Kanal ganzjährig zu speisen. Beeindruckt von diesem Plan erließ König Ludwig
XIV. im Jahr 1666 das offizielle Edikt für den Bau, der nicht nur den Handel stärken, sondern auch die Macht Frankreichs demonstrieren sollte.
Die Erbauung erstreckte sich über 14 Jahre von 1667 bis 1681 und forderte vollen Einsatz. Bis zu 12.000 Arbeiterinnen und Arbeiter gruben den Kanal größtenteils von Hand aus. Während der Bauphase
mussten unzählige technische Hürden überwunden werden. So entstand mit der Talsperre von Saint-Ferréol der damals größte künstliche Stausee der westlichen Welt. Ein besonders spektakuläres
Ereignis war der Bau des Tunnels von Malpas: Als der Weiterbau wegen brüchigen Gesteins verboten werden sollte, ließ Riquet den weltweit ersten Kanaltunnel einfach heimlich und in Rekordzeit
graben. Trotz aller Anstrengungen erlebte der Planer den Triumph der Fertigstellung nicht mehr, da er wenige Monate vor der feierlichen Eröffnung im Mai 1681 verstarb. In den Folgejahren
optimierte der berühmte Festungsbaumeister Vauban das System durch zusätzliche Aquädukte und Abwässerungskanäle, um den Wasserlauf vor Hochwasser zu schützen.
Über Jahrhunderte florierte der Transport von Getreide, Wein und Gütern auf der Wasserstraße, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn eine Übermacht im Güterverkehr wurde. Der Kanal verlor
rasch seine wirtschaftliche Bedeutung, fand jedoch im 20. Jahrhundert eine völlig neue Bestimmung. Heute dient der rund 240 Kilometer lange Canal du Midi ausschließlich dem Tourismus und der
Freizeitschifffahrt. Seine historische und architektonische Einzigartigkeit wurde 1996 mit der Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe gewürdigt. In der Gegenwart kämpft die Region allerdings mit
einer großen Herausforderung: Ein aggressiver Pilz, der farbige Platanenkrebs, vernichtet seit Jahren die berühmten alten Platanenreihen entlang des Ufers, weshalb in einem gigantischen
Naturschutzprojekt tausende Bäume gefällt und durch resistente Arten ersetzt werden müssen.
Der Canal du Midi hat sich von einer einstigen Handelsstraße vollständig in ein lebendiges Freizeitparadies verwandelt und gilt heute als eines
der weltweit beliebtesten Reviere für den sanften Tourismus. Das Herzstück dieser modernen Nutzung ist der Verleih von führerscheinfreien Hausbooten, die es jährlich zehntausenden
Freizeitkapitänen ermöglichen, den Wasserweg eigenständig zu erkunden. Das Passieren der historischen Schleusen und das langsame Dahingleiten auf dem Wasser bieten eine tiefgehende
Entschleunigung abseits des Alltagsstresses.
Auch an Land hat sich der Kanal zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor für die Region Okzitanien entwickelt. Die alten Treppelwege, auf denen früher Pferde die schweren Frachtschiffe zogen,
dienen heute als hervorragend ausgebaute Rad- und Wanderwege. Besonders der sogenannte „Voie Verte“ (Grüner Weg) zieht Radreisende an, die der gesamten Strecke sicher und abseits des Autoverkehrs
unter dem Schatten der Uferbäume folgen können.
Die gesamte Infrastruktur entlang des Kanals ist inzwischen perfekt auf diesen
sanften Tourismus ausgerichtet. In den ehemaligen Lagerhäusern und historischen Schleusenwärterhäuschen finden Reisende heute urige Restaurants mit regionalen Spezialitäten wie dem traditionellen
Cassoulet, kleine Museen zur Kanalgeschichte sowie praktische Fahrradvermietungen. Zahlreiche modernisierte Anlegestellen mit Strom- und Wasserversorgung verbinden Natur und Komfort. Durch dieses
Zusammenspiel von historischer Architektur, idyllischer Landschaft und französischer Lebensart ist der Canal du Midi zu einem Musterbeispiel für nachhaltigen Kulturtourismus in Europa
geworden.
Da Bilder bekanntlich mehr sagen als 1000 Worte, und bewegte Bilder vermutlich noch mehr, gibt es hier abrufbar ausgewählte Szenen unserer Hausbootreise zum Ansehen.
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